Mannheim – eine Hommage
Mannheim ist eine Stadt der Gegensätze. Mir fällt ad hoc keine weitere Stadt ein, die derart polarisiert. Die Quadratestadt ist eine Mischung aus rauchenden Fabrikschloten, unzähligen Parkanlagen und historischer Stadtarchitektur.
Mannheim ist eine Stadt, in die man sich erst auf den zweiten Blick verliebt. Das kann ich keinem verübeln. Sperrmüllberge in den Marktplatz-Quadraten, hohe Kriminalitätsraten, verrufene Stadtteile wie die Neckarstadt-West, der Waldhof oder die “Tschänau” wirken erstmal nicht sehr einladend. Doch wer sich erstmal auf die Stadt einlässt und sie erkundet, der kann hier so einiges entdecken. Wer am Hauptbahnhof ankommt, findet sich nach kurzem Fußweg am Wahrzeichen der Stadt, dem Wasserturm, wieder. Direkt am Friedrichsring gelegen, inklusive schöner Parkanlage und Wasserspielen in lauen Sommernächten. Gleich hinter dem Wasserturm beginnt die Oststadt – wer durch die Arkaden, Augustaanlage und das Philosophenviertel flaniert, könnte meinen, er sei in einem vornehmen Pariser Arrondissement gelandet. Und Paris ist tatsächlich nicht weit – mit dem ICE oder TGV ist man in unter drei Stunden in der französischen Hauptstadt. La vie est belle.
Südeuropäisches Flair bekommt man übrigens im Jungbusch. Rund um die Beilstraße hat man in den Sommermonaten das Gefühl, man befinde sich Neapel. Kinder toben rund um das Sackträger-Denkmal, die Eltern sitzen auf weißen Plastikstühlen vor den Häusern und die Außenbereiche der Bars und Restaurants sind immer gut besucht. Ein buntes Treiben bis spät in die Nacht. Diese kulturelle Vielfalt macht die Stadt so besonders.
„In Mannheim weint man zweimal:
Einmal, wenn man kommt, und einmal, wenn man geht.“
Auch die pulsierende Kunst- und Kulturszene wächst stetig an – neben der bekannten Popakademie gibt es in der ganzen Stadt zahlreiche Start-ups, Ateliers und Künstler-Treffpunkte. Kunst- und Kulturliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten und profitieren von dem reichhaltigen Programm - ob Sommerkino im Cinema Quadrat, Nachtwandel im Jungbusch, Time Warp, Lichtmeile, Lange Nacht der Kunst und Genüsse, Monnem Bike – hier ist wirklich für jeden etwas dabei.
Das größte Highlight der letzten Jahre war die Bundesgartenschau (BUGA), die vom 14. April bis zum 8. Oktober 2023 in Mannheim gastierte, inklusive Auftritte vom Mannheimer Lokalmatador Bülent Ceylan, “Tatort Ludwigshafen” Public Viewing, u.v.m. Das Besondere: Neben der Ausstellung im Luisenpark (der schon die BUGA 1975 ausrichtete) konnte man mit einer eigens gebauten Seilbahn zum ehemaligen Spinelli-Militärgelände in Feudenheim gondeln und dort den zweiten Standort erkunden.
Das ultimative Alleinstellungsmerkmal der Innenstadt sind – natürlich – die Quadrate. Die Straßen im Zentrum haben keine Namen, sondern Buchstaben. Neuankömmlinge können mit der schachbrettartigen Aufteilung erstmal nicht viel anfangen und irren, mit GoogleMaps oder einem waschechten Stadtplan bewaffnet, durch die Innenstadt. Zur Orientierung: Ab dem Innenhof des Schlosses (Ehrenhof) werden die Blöcke durchgezählt. Linksseitig befinden sich die Quadrate A-K und rechtsseitig L-U. Fun Fact: Ein paar Buchstaben sind nicht vorhanden, nämlich J, V, W, X, Y, Z.
„Wer will freiwillig nach Mannheim ziehen?
Es gibt doch Hamburg, München und Berlin.
Warum grade ‘ne Stadt, die mehr Schornsteine als Bäume hat?
Nichts läuft hier rund, sondern im Quadrat.“
Doch auch Mannheim hat sich in den letzten Jahren verändert. Natürlich gibt es auch hier Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte. Besonders die Sicherheitslage steht im Fokus. In Baden-Württemberg hat die Quadratestadt statistisch gesehen einen besonders hohen Rang, wenn es um Straftaten geht. Durch anhaltende Messergewalt gibt es in Teilen der Innenstadt Waffenverbotszonen und auch Videoüberwachung. Das verhinderte aber nicht den tödlichen Messerangriff auf dem Marktplatz 2024, bei dem der Polizist Rouven L. durch einen islamistisch motivierten Afghanen ums Leben kam und der bundesweit tiefe Bestürzung auslöste.
Ein weiteres Problem ist das Klima. Mannheim ist eine der heißesten Städte Deutschlands und heizt sich immer weiter auf. Auch wenn die Stadt eine große Entsiegelungsoffensive gestartet hat, ist das Problem nach wie vor drängend und eine Herausforderung für die Stadtgesellschaft.
Nichtsdestotrotz bleibt Mannheim meine Herzensstadt. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe im Schloss studiert. Trotz mehrerer anderer Stationen im In- und Ausland hat es mich doch immer wieder zurückgezogen. Die Energie, die hier herrscht, habe ich nirgends sonst gefunden und der Dialekt, die Planken und Rheinterrassen sind einfach Heimat für mich.
Und es hat einen Grund, das bei jeder Schneckenhof-Party als letztes Lied immer “Meine Stadt” von den Söhnen Mannheims gespielt wird:
„Meine Stadt holt ihren Mann heim
Ganz egal, wo er auch ist
Diesen Reim schickt ihr den Mann heim
Der sie so oft vermisst.“
