Ladensterben in Mannheim

Die christliche Buchhandlung Bernhardus, Interior Design Wirthwein, Honig Reinmuth, Weber Lederwaren, Pelze Plappert - das ist nur eine kleine Auswahl von lokalen Einzelhändlern, die in den vergangenen Jahren das Handtuch geworfen haben. Viele davon waren Traditionsgeschäfte und wurden über Jahrzehnte in der Familie weitergegeben. Das ist nun vorbei und mit diesen Geschäften geht auch ein Stück Tradition und Geschichte verloren. Die Gründe für die massenhaften Geschäftsaufgaben und auch Insolvenzverfahren sind sehr vielfältig: horrende Mieten, Personalmangel, hohe Energiekosten, die Online-Konkurrenz, etc. Vor allem ein asiatischer Online-Handler mit vier Buchstaben, der den Markt mit seinen Billigprodukten regelrecht flutet, ist für viele Einzelhändler zum großen Problem geworden.

Einige Einzelhändler, mit denen ich gesprochen habe, sehen ebenso den Verkehrsversuch (autofreie Innenstadt) als regelrechten „Kundenschreck“. Doch auch das veränderte Konsumentenverhalten spielt eine Rolle. Gestiegene Lebenshaltungskosten, hohe Mieten, unsichere Zeiten – das Geld sitzt bei der Kundschaft nicht mehr so locker und führt zur Kaufzurückhaltung.

In der Innenstadt steht man immer öfter vor Baustellen, leeren Immobilien, „Wir schließen“-Schildern, und verwaisten Schaufenstern, die auf bessere Zeiten warten. Die City ist im Wandel – wo früher traditionelle Geschäfte waren, finden sich heute Pop-up Stores, Showrooms, Concept Stores, etc.  Was manche aufregend finden, schürt bei anderen eher nostalgische Gefühle nach der guten alten Zeit.

Auch der Thalia am Paradeplatz ist inzwischen Geschichte - dort ist nun ein Kostümladen in die Immobilie eingezogen.

Doch nicht nur Geschäftsaufgaben prägen das Stadtbild – während manche ausziehen, ziehen andere um. Die Traditions-Eisdiele Fontanella schloss 2023 nach 70 Jahren die Kult-Eisdiele auf den Planken und zog einige Meter weiter ins Einkaufszentrum Q6/Q7 um. Der Erfinder des Spaghetti-Eis bleibt Mannheim also erhalten. Fest steht jedoch – der Handelsverband Deutschland (HDE) verzeichnet einen anhaltenden Trend mit bundesweiten Geschäftsaufgaben, darunter auch viele Traditionsunternehmen. Es ist nicht zu leugnen: Der Einzelhandel steckt in einer tiefen Krise.

Ein weiterer Schock war zu Jahresbeginn die Insolvenz der Mannheimer Brezelbuden. Gegründet wurden sie 1900 von Joseph Ams und zunächst wurden die Backwaren von mobilen Brezelfrauen direkt auf der Straße verkauft. Die Brezelbuden wurden zu einem richtigen Treffpunkt der Fußgänger. 2025 feierte man noch 125-jähriges Jubiläum, im Jahr darauf folgte der Insolvenzantrag. Besonders bitter: Das Unternehmen engagierte sich stets sozial und bot Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, eine Chance. Ein Hoffnungsschimmer bleibt jedoch: Die Stadt Mannheim sucht einen neuen Betreiber und eventuell kann sogar der ein oder anderen Arbeitsplatz gerettet werden.

Eine lebendige Innenstadt bedeutet mehr Lebensqualität. Dort findet das Leben statt, es ist ein Ort der Begegnung. Fragt sich nur, wie lange noch.

Doch nicht nur die Innenstadt verändert sich, auch andere Stadtteile sind betroffen. Die Hauptstraße in Feudenheim war früher gesäumt von diversen Einzelhändlern. Obst- und Gemüseläden, ein alteingesessenes Blumengeschäft, inhabergeführte Friseursalons, etc. Heute findet man dort zum großen Teil einen Einheitsbrei aus Barbershops, Nagelstudios, Massagesalons und Shishabars. Das traditionelle Weinhaus Ott hat dort ebenfalls das Geschäft aufgegeben.

Der Lindenhof hat sich in den letzten Jahren ebenfalls stark verändert. Während es früher in der Meerfeldstraße eine bunte Auswahl an Geschäften gab, sieht es heute ganz anders aus. Der Drogeriemarkt, der zum inklusiven CAP-Supermarkt gehörte, musste weichen, damit dort eine weitere Bäckereikette einziehen konnte. Kurios: Innerhalb von 500 Metern gibt es in dieser Straße nun 5(!) Bäckereien (je 2 von der gleichen Kette), sowie eine Brotboutique. Erstaunlich, dass sich alle halten können. Die Metzgerei Fehrenbacher hat den dortigen Standort aufgegeben, ebenso wie das Elektrofachgeschäft Schmelcher und der unverpackt-Laden.

Auch das Bistro Grand Luise gibt es nicht mehr.

Auch die Mannheimer Gastronomie bleibt von dem steten Wandel nicht verschont. In den letzten Jahren haben sich viele alteingesessene Gastronomen zurückgezogen. Der Schwarze Adler (D6) hat nach über 100 Jahren seine Türen für immer geschlossen. Auch das Heller’s, das lange als das erste vegetarische Restaurant Deutschlands galt, ist Geschichte. Ebenso das Glück&Verstand und die Kombüse. Mitte 2026 hat das Café Binokel an den Kapuzinerplanken Insolvenz angemeldet. Man kann auch hier von einer regelrechten Krise sprechen.

Die ehemalige Hauptfiliale der Deutschen Post am Paradeplatz beherbergt jetzt eine amerikanische Modemarke.

Fazit: Ich vermisse in Mannheim ein vertrautes Stadtbild. Wenn man mal länger nicht in der Stadt war, muss man sich erstmal neu orientieren. Nicht falsch verstehen: Ich habe grundsätzlich nichts gegen neue Locations – einige davon stelle ich hier auch vor. Aber wer braucht die x-wievielte Fast-Food-Kette, unzählige Shisha-Bars, Handyläden, Barbershops und Bäckereiketten? Ich persönlich kann darauf verzichten, das interessiert mich nicht. Leider ist das hausgemacht: Durch den stark zunehmenden Online-Handel (vor allem seit 2020) können sich viele Geschäfte auf Dauer einfach nicht halten. Wir beklagen und betrauern einerseits eine aussterbende Innenstadt, bestellen aber alles mögliche online. Bis zu einem gewissen Punkt verstehe ich es natürlich und kann mich selbst nicht ganz frei davon machen. Es ist praktisch, man spart Zeit und meistens gibt es noch einen Rabatt, das ist verlockend. Doch ist es das wert?

Wir müssen lernen, den Einzelhandel wieder zu schätzen, denn er ist und bleibt eine Begegnungsstätte, wertet eine Stadt auf und schafft Arbeitsplätze. Während meines Studiums habe ich nebenbei in einem großen Mannheimer Modehaus gejobbt (das gibt es auch noch 😉) und hatte dort so viele nette und schöne Begegnungen. Einer der schönsten Momente war, als an einem Nachmittag ein junges aufgeregtes Paar hereinkam, die mir erzählten, dass sie morgen spontan heiraten werden und der Herr jetzt noch schnell eine schicke Fliege braucht. Hätte ein Online-Händler rechtzeitig geliefert und hätte er den aufgeregten jungen Mann gut beraten können? Vermutlich nicht.

© Bilder: Franziska Schweiger

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