Vesperkirche: Am Limit

Jedes Jahr im Januar laden die Evangelische Kirche und das Diakonische Werk Mannheim bedürftige Menschen in die Citykirche Konkordien ein. Dort gibt es ein warmes Mittagessen, Kaffee & Kuchen und eine Vespertüte zum Mitnehmen. In den vier Wochen stehe den Menschen außerdem verschiedene Beratungs- und Hilfsangebote, sowie medizinische Versorgung zur Verfügung.

Die 29. Vesperkirche trägt dieses Jahr das Motto: Am Limit unserer Welt?

Der Eröffnungsgottesdienst am 11. Januar unter der Leitung von Pfarrerin Ilka Sobottke fand rege Anteilnahme und beim anschließenden Essen mit 556 Gästen packte auch OB Christian Specht persönlich mit an.

Wer an der Vesperkirche teilnehmen möchte, bekommt vor der Kirche (Seiteneingang) eine Marke ausgehändigt und kann sich anschließend in der Kirche einen Platz an den zahlreichen Tischen aussuchen.

Auf der Speisekarte stehen zwei täglich wechselnde Gerichte, ein vegetarisches und eins mit Fleisch. Die Gäste haben die freie Wahl, wobei 90% das Fleischgericht bevorzugen. Die Mahlzeiten und Getränke werden direkt von den ehrenamtlichen Helfern am Tisch serviert.

Die Ehrenamtlichen Helfer spielen eine tragende Rolle bei der Vesperkirche - dieses Jahr sind es über 800. Sie sind eine bunte Mischung aus Privatpersonen, Konfirmanden, Schulklassen, Menschen im Ruhestand und auch Firmengruppen. Einige nehmen sich sogar extra Urlaub, um mitzuhelfen.

Die fleißigen Unterstützer packen überall mit an – sei es im Service, bei der Essensausgabe, in der Spülküche oder beim Vespertüten richten.

In den Vespertüten, welche die Gäste nach dem Mittagessen mit auf den Weg bekommen, befinden sich belegte Brote, Obst und etwas Süßes.

Wichtiger Job: Der Kuchen-Bewachungs-Dienst :)

Die Kuchen sind selbst gebacken, häufig von den Ehrenamtlichen, deren Freunden/Angehörigen sowie Mitgliedern verschiedener evangelischer Gemeinden in Mannheim. Es gibt zusätzlich noch ein Back-up in Form von Lebkuchen, Fertigkuchen, Schokoküssen, etc., denn trotz zahlreicher Kuchenspenden muss für die Vielzahl an Gästen aufgestockt werden.

Während der Vesperkirche gibt es verschiedene Events, wie z.B. das Benefiz-Konzert “Friends for Vesperkirche”. Im Rahmen der Predigtreihe gibt es außerdem verschiedene Redebeiträge, bspw. von ZEW-Chef Armin Wambach, der außerdem Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. Er sprach am 25.01. zum Thema: „Wie viel ist genug?“ – Gedanken über Reichtum, Armut und Gerechtigkeit.

Die Johanniter sind flächendeckend vor Ort und helfen bei medizinischen Problemen. Sie kümmern sich um Verbandswechsel und Wundversorgung, messen Blutzucker und Blutdruck oder geben bei Bedarf Schmerzmittel aus. Es geht auch um das Vertrauen in die medizinische Versorgung, bzw. das Gesundheitssystem und manchmal einfach “nur” um ein offenes Ohr. Laut Diakoniepfarrerin Anne Ressel ist das viel Beziehungsarbeit.

Die Johanniter und das Homecare-Unternehmen Medicops aus St. Leon-Rot bieten dieses Jahr zudem erstmalig die Wundsprechstunde an. Viele Gäste haben Probleme mit unbehandelten oder nicht ausreichend versorgten Wunden und können sich hier helfen lassen.

Foto: Sabrina Markgraf (links) mit Medicops-Kollegin Svenja Schuchardt.

Zusätzlich gibt es noch Unterstützung von den Barber Angels - ein Zusammenschluss von Friseurmeistern, die bedürftigen Menschen kostenlos die Haare schneiden. Außerdem erfolgt zu festen Terminen eine Kleiderausgabe.

Der Vesperkirche wurde dieses Jahr vier sog. “Sheltersuits” gespendet. Das sind wind- und wasserabweisende Jacken mit integriertem Schlafsack. Laut dem niederländischen Unternehmen hat das multifunktionale Produkt bereits um die 40.000 Menschen mit “Wärme, Sicherheit und Würde unterstützt”.

Das Mittagsessen stammt übrigens von der Catering-Firma “Genuss und Harmonie”, die u.a. auf Care-Gastronomie spezialisiert ist. Das Essen wird morgens aus Heilbronn geliefert – ein Mitarbeiter achtet vor Ort sogar darauf, dass die Speisen richtig portioniert werden. Für Laien, die nicht aus der Gastronomie stammen, ist nicht so leicht erkennbar, wie man um die 800 Mahlzeiten richtig portioniert, sodass es für jeden ausreicht.

Im kommenden Jahr feiert die Vesperkirche ihr 30. Jubiläum. Angefangen hat alles 1997, im Rahmen der sozialpolitischen Offensive. Zu dieser Zeit hatte Mannheim ein offensichtliches Armutsproblem. Die Kirche und Diakonie haben überlegt, wie sie selbst tätig werden können und initiierten im Januar 1998 die erste Vesperkirche (nach Stuttgarter Vorbild) in der Konkordienkirche. Damals kamen ca. 30-40 Menschen zusammen und die ehrenamtlichen Helfer haben noch selbst gekocht. Über die Jahre erfuhr die Vesperkirche immer mehr Zulauf – heute sind es zwischen 700 und 800 Gästen pro Tag.

Die Gäste stammen hauptsächlich aus Mannheim und der Umgebung. Sie sind in vielfältiger Weise von Armut betroffen, z.B. durch Arbeitslosigkeit (auch durch Krankheit verursacht) oder Wohnungslosigkeit. Einige beziehen nur eine kleine Rente (oder Erwerbsminderungsrente), sind geflüchtet oder suchterkrankt.

Pfarrerin Anne Ressel (rechts im Bild) sieht als Grund für die steigenden Besucherzahlen, dass sich die Armut verfestigt. Das liege vor allem an den steigenden Kosten in sämtlichen Lebensbereichen (Nahrungsmittel, Mieten, etc.). Auch die Verunsicherung unter den Gästen sei groß. Essen könne man sich noch organisieren, aber bei anderen Ausgaben wird es schon schwierig. Im Januar müssen außerdem viele Menschen sparen, da zu diesem Zeitpunkt z.B. die Vorauszahlung bei den Krankenkassen fällig ist.

In der Vesperkirche geht es viel um Begegnungen – nicht nur um das satt werden
— Anne Ressel

Die Ehrenamtlichen kommen täglich (Mo-Sa) um kurz vor 10 Uhr in die Kirche. Es folgt eine kurze Einführung und wichtige Infos für die jeweiligen Einsatzbereiche (z.B. die Zuteilung der Tische für die Bedienungen). Von 11-14 Uhr erfolgt dann die Essensausgabe. Nach dem Abräumen findet gegen 14.30 Uhr eine halbstündige Andacht statt. Danach leert sich die Kirche langsam und auch die Helfer werden entlassen.

Fazit: Gerade in Zeiten der Unsicherheit, Krisen und Kriege ist die Vesperkirche ein wahrer Segen. Bedürftige Menschen können kurz zur Ruhe kommen, bekommen eine warme Mahlzeit, können sich bei Bedarf diverse Unterstützung einholen und das Wichtigste: sie werden respektvoll behandelt.

Wer sich für die Vesperkirche engagieren möchte, kann einen Wunschbetrag spenden (Link siehe unten) oder bei der nächsten Vesperkirche direkt selbst mithelfen. Die Anmeldungen dafür öffnen im November 2026.

*Fotos: Till Kretner

Vesperkirche

Citykirche Konkordien
R2, 1

|

68161 Mannheim

🌐https://www.vesperkirche-mannheim.de/

Instagram:@vesperkirche.mannheim

Weiter
Weiter

Geigenbau im Jungbusch